Atomkraftwerke abschalten ist leicht!

Energie-autarke Gemeinden machen es vor! 

„Das atomare Drama in Japan nimmt seinen Lauf, die Kettenreaktion mit ihren verheerenden Folgen ist offenbar nicht zu stoppen. So wie bereits die Unfälle von Tschernobyl bis Three Mile Island die Geschichte eines Irrwegs beschrieben haben, wird auch dieser GAU Spuren für Generationen hinterlassen.” Das schrieb die Zeitung Krone aus Österreich, die bereits 1978 erfolgreich und massiv mithalf des einzige geplante Atomkraftwerk unseres Nachbarlandes, das AKW Zwentendorf, zu verhindern. Die Aktion hatte Erfolg: Heute ist das niemals in Betrieb gegangene AKW Zwentendorf ein Kulturzentrum und Solarkraftwerk!

Aufgrund von Fukushima startete nun die Krone die Unterschriftenaktion zur Abschaltung aller Atomkraftwerke in Europa, die auch vom österreichischen Bundeskanzler Unterstützung bekommt. Die Kernkraft sei ein „Irrweg, von dem abgegangen werden” müsse, sagte Faymann. Nach den dramatischen Ereignissen in Japan könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen”, sagt der Bundeskanzler unseres Nachbarlandes. „Das Fukushima-Desaster ist nicht das erste in einer Reihe todbringender Atomkatastrophen. Es sollte aber die letzte gewesen sein. Jetzt muss die Zäsur in der Leid und Verderben bringenden Chronik der Kernenergie gekommen sein. Wann denn, wenn nicht jetzt?”, so die Krone.

Schneller Ausstieg ist machbar!

Europaweit zeigen längst Energie-autarke Gemeinden und Städte, dass keiner Atomkraft braucht. Abschalten ist viel leichter als es uns die Atomlobby vorgaukelt. Auch der langjährige Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, Wolfgang Renneberg, ist der Meinung: „Schneller Ausstieg ist machbar!”

Energie-Vorbild Furth

Da gibt es zum Beispiel die 3000 Einwohner-Gemeinde Furth, in der nähe von Landshut. „Die wahren Attraktionen sind die blauen Dächer von Furth mit ihren vielen Solarzellen, die noch blauer strahlen, wenn sich der Himmel in ihnen spiegelt. Und das Hackschnitzelheizwerk, das sich auf dem Klosterberg versteckt”, so die Wochenzeitung die ZEIT. „Jeder zweite Further hat eine Solaranlage auf dem Dach. Photovoltaik liefert Strom, Solarthermie Wärme. Nicht nur Einfamilienhäuser sind damit gepflastert, auch das Rathaus, die Grundschule und sogar der Supermarkt.” Der Ort sei inzwischen die Solargemeinde Deutschlands, und Bürgermeister Dieter Gewies werde in seinem Stuhl ein wenig größer, wenn er erzählt. „Wir haben als erste Gemeinde in ganz Deutschland den Entschluss gefasst, zu 100 Prozent auf erneuerbare Energie umzusteigen: In ein paar Jahren”, sagt Gewies, „sind wir energieautark.” Was Furth kann, können auch Hunderte oder Tausende andere!

Energie-Vorbild Wildpoldsried

Wildpoldsried hat in etwa dieselbe Einwohnerzahl wie Furth und ist gleichfalls eine der energetisch Vorbildlichen Gemeinden Europas. Deshalb wurde die bayerische Gemeinde „Energie-Kommune“ des Monats Juli 2008, was eine Auszeichnung der Agentur für Erneuerbare Energien ist. Ein Jahr darauf, 2009, erhielt Wildpoldsried sogar den Deutschen Solarpreis 2009! Gleichzeitig wurde Wildpoldsried 2009 zusammen mit 5 weiteren Gemeinden und Städten in Berlin von der Deutschen Umwelthilfe zur Klimaschutzkommune 2009 ausgezeichnet. Die Oberallgäuer Gemeinde im Süden der Republik setzt dabei nicht nur auf Solarkollektoren und Photovoltaik, sondern ebenso auf Wind und Kuhmist: Mehr als 180 Bürger sind am Windpark beteiligt, die Anlagen stehen selten still. Gut 13 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren fünf Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund sieben Megawatt. Diese Windernte ist mit anderen deutschen Windstandorten vergleichbar. „Wildpoldsried beweist, dass auch in Bayern genug Wind weht. Durch eine intelligente Nutzung von Erneuerbaren Energien werden die ökologischen und ökonomischen Interessen im Ort optimal in Einklang gebracht“, so Jörg Mayer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien, anlässlich der Bekanntgabe der „Energie-Kommune“ Wildpoldsried. Insgesamt besteht der Energie-Mix von Wildpoldsried aus Windenergie, Sonnenkollektoren, Photovoltaik, Biogasanlagen gefüttert mit lokaler Biomasse und drei kleine Wasserkraftwerken.

Energie-autarke Alpen

Seit einigen Jahren setzt sich die Internationale Alpenschutzkommission (CIPRA) für Energie-autarke Gemeinden in den Alpen und im Grunde auch weltweit ein. „Immer mehr Gegenden erklären sich zu Energieregionen. Bei allen Unterschieden verfolgen sie eine gemeinsame, ehrgeizige Vision: Sie wollen sich vom Import fossiler Energie unabhängig machen. Als Pioniere gelten die Gemeinde Güssing im österreichischen Südburgenland, wo sich auch das Europäische Zentrum für erneuerbare Energie angesiedelt hat, das deutsche Bioenergiedorf Jühnde und die dänische Insel Samsø”, so der Cipra-Bericht „Macht die Alpen energieautark!”

„Die Vorreiter haben gezeigt, wie es geht. Viele Regionen in den Alpen wollen ihnen nachfolgen und nicht nur auf Energieimport verzichten, sondern die Energie auch sparsam und effizient nutzen, den eigenen Bedarf möglichst mit erneuerbaren Energien decken und gleichzeitig die regionale Wirtschaft ankurbeln.”

Den Schlussfolgerungen der CIPRA-Experten ist kaum etwas hinzuzufügen. „Die Vision der Energieautarkie muss umfassend sein”, schreiben sie. „Dazu gehört nicht nur, auf erneuerbare Quellen zu setzen, sondern auch der effiziente, sparsame und innovative Umgang mit Energie. Raumplanung und Mobilität sind Kernelemente dieser Vision.”  Die meisten Energiesysteme, so CIPRA basierten auf zentralen Versorgungssystemen. „Angeboten wird Energie aus fossiler und nuklearer Quelle, beim Energieimport fließt regionales Kapital ab, die Kontrolle liegt außerhalb des Einflussbereiches der regionalen Akteure, Regionen werden von Zentren abhängig.” Doch eine dezentrale Versorgung auf der Basis von erneuerbaren Quellen könne diese Nachteile beseitigen: „Geld und Entscheidungshoheit bleiben in der Region. Außerdem werden wirtschaftliche Multiplikatorwirkungen und endogene Entwicklungsprozesse ausgelöst. Diese Entwicklungen und die damit verbundenen Wertschöpfungsketten stärken die ländlichen Räume. Im besten Fall kann die Energiepolitik zum Kern der Wirtschaftsförderung und zum Motor wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung werden.”

CIPRA: „Es ist beeindruckend, was die Pioniere in Sachen Energieautarkie bisher geleistet haben, egal ob im viel zitierten Güssing, im Bioenergiedorf Jühnde, auf der dänischen Insel Samsø oder in vielen Regionen der Alpen. Die Erfolge beruhen auf einer großen Beharrlichkeit, mit der die verschiedensten Akteure eine gemeinsame Vision verfolgen, und auf großer Konsequenz beim Umbau der Energieversorgung. Sie beweisen, dass energieautarke Regionen kein Hirngespinst sind, sondern eine lohnenswerte Alternative”

Quasi ins selbe Horn bläst das Institut für Energie und Umweltforschung (Ifeu): Dass Deutschland das Potenzial hat, sich umfassend mit erneuerbarer Energie zu versorgen, zeigten viele Studien. „Das Problem ist nur die Verteilung”, sagt Benjamin Gugel vom Ifeu in Heidelberg, der für Kommunen auslotet, was machbar ist. Es fängt schon bei den Bürgern an: „Die einen haben die geeigneten Dachflächen für Solaranlagen, die anderen das Geld und wieder andere das Interesse. Alles zusammen ist selten.” Gut Gebrüllt Löwe!

PS: Hunderte von Gemeinden Brasiliens waren bis zu Präsident Lula da Silva Energie-autark, das heißt ohne „öffentlichen” Stromanschluss. Aber das wurde als rückständig betrachtet. Denn die sich auf dem Privatisierungsweg befindenden Stromunternehmen Brasiliens brauchen täglich mehr Kunden, um zu wachsen und wegen der Rendite! Deshalb gab es viel Geld von Lula, um diese Gemeinden ans Strom-Netz anzubinden und davon abhängig zu machen! Das Programm hat(te) den Namen „Licht für Alle! Luz para todos!”

Norbert Suchanek, Rio de Janeiro 

Weitere Infos:

www.cipra.org
www.kommunal-erneuerbar.de
www.bioenergieregionen.de
www.energiewende-oberland.de