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Stromspeicher

Weg von Kohle und Atom, hin zu mehr Wind und Sonne – mit der Energiewende will Deutschland seinen Schadstoffausstoß verringern und erneuerbare Energien ausbauen. Für die neue GroKo heißt es nun anpacken, denn mit dem Atomausstieg bis 2020 und der Verringerung des CO2-Ausstoßes um 80 Prozent bis 2050 sind die Ziele hierzulande besonders ehrgeizig. Der Fortschritt läuft bislang jedoch eher schleppend – was müsste sich unter der neuen Regierung nun tun?

Möchte Deutschland seine Klimaziele noch erreichen, muss schnell gehandelt werden – so sieht es auch die Unternehmensberatung McKinsey & Company. Demnach steht es beim derzeitigen Reformtempo um das Erreichen der Klimaziele nicht gut. McKinsey beruft sich auf die Erkenntnisse eigener Untersuchungen zum aktuellen Stand der Energiewende, die das Unternehmen seit 2012 halbjährlich durchführt. Als Bewertungsgrundlage dienen dabei dreizehn Indikatoren, die sich auf die Bereiche Klima- und Umweltschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit aufteilen.
Bei der Auswertung werden die Ziele der politischen Entscheidungsträger zu Beginn der Energiewende mit dem jeweils erreichten Stand verglichen. Die aktuellen Ergebnisse stammen aus der zweiten Jahreshälfte von 2017 und waren mehr als ernüchternd: Das Erreichen von acht der 13 Indikatoren, darunter die Senkung des CO2–Ausstoßes sowie des Primärenergie- und Stromverbrauchs, schätzen die Unternehmensberater derzeit als unrealistisch ein. Wenn es so weiter geht, schafft Deutschland die Energiewende nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt.

Keine Führungsrolle mehr

Weitere Statistiken unterstützen diese Einschätzung: So liegt einer Information des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge Deutschland beim Verbrauch von erneuerbaren Energien in Privathaushalten mit einem Anteil von 11,6 Prozent im europäischen Vergleich deutlich im hinteren Bereich. Die Rangliste wird von Kroatien, Slowenien und Estland angeführt, wo fast die Hälfte des privaten Energieverbrauchs (47,5, 45,9 bzw. 41,2 Prozent) aus Quellen wie Wind- und Solarenergie stammt.
Die Aussagen des neuen Bundeswirtschafts- und ehemaligen Umweltministers Peter Altmaier lassen wenig Hoffnung aufkeimen: Im Rahmen einer energiepolitischen Grundsatzrede vor der internationalen Energiewende-Konferenz in Berlin machte er deutlich, dass eine Energiewende nur global gelingen könne – nicht durch einzelne Länder. Im politischen Umfeld lässt sich eine Abfuhr kaum deutlicher formulieren. Das zeigen auch weitere Aussagen, die etwa das EEG als großzügigstes Fördersystem der Welt beschreiben, von dessen Fehlern andere lernen könnten. Immerhin legte Altmaier anderen Ländern nah, jetzt anzufangen – um in 20 Jahren Ergebnisse zu sehen.

Konsequent ändern

Ein Blick auf die (neuen) europäischen Vorreiter der Energiewende zeigt hingegen: Ganzheitliches Denken und Konsequenz zahlen sich aus. Das bedeutet zum Beispiel, dass der Ausstieg aus Kohle und Atom sowie der Ausbau von Wind-und Solarenergie nur gelingt, wenn er von einer entsprechenden Infrastruktur und passenden Rahmenbedingungen gestützt wird. Großbritannien hat sich etwa – im Gegensatz zu Deutschland – mit 2025 ein baldiges und konkretes Datum für den Kohleausstieg gesetzt. Das Vereinigte Königreich hat dafür unter anderem so genannte Kapazitätsmärkte eingeführt: Kraftwerksbesitzer erhalten Prämien, wenn sie auf Abruf beim eventuellen Ausfall von Solar- und Windanlagen einspringen.
Wichtig sind zudem Speichermöglichkeiten für aus erneuerbaren Quellen gewonnenen Strom. „Batteriesysteme sind ein wichtiger Baustein der Energiewende, werden aber zur Gefahr, wenn sie ausschließlich den Eigenverbrauch selbst produzierten Stroms erhöhen. Es ist daher entscheidend, sie netzdienlich und im Sinne der Energiewende zu nutzen“, erläutert Franz-Josef Feilmeier, Geschäftsführer der Fenecon GmbH. Zudem gilt es, Netze und immer zahlreichere Einspeiser entsprechend abzusichern: „Überspannungen werden sonst zu einer Gefahr für die Stromversorgung und damit für die Investition“, erklärt Ralf Güthoff, der im General Management der Raycap GmbH entsprechende Projekte steuert. So sei der Blitzeinschlag in ein Windkraftwerk ebenso eine Gefahr wie eine temporäre Überspannung, wenn mehrere PV-Anlagen bei öffnender Wolkendecke zugleich ans Netz gehen.

Smart investieren

Mit mehr Optimismus als die aktuelle McKinsey-Untersuchung oder des aktuellen Wirtschafts- und Energieministers beurteilt eine neue Studie der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) den derzeitigen Stand der Energiewende: Diese könne bis 2050 noch erreicht werden, allerdings nur unter folgenden Voraussetzungen: Wind- und Sonnenenergie müssen sechsmal so schnell ausgebaut, Häuser dreimal so schnell energetisch saniert und in Ökostrom muss 30 Prozent mehr Geld investiert werden als bisher. Das klingt teuer und ist Wasser auf die Mühlen von Altmaiers Billionenrechnung.
Doch laut IRENA-Studie ist das machbar, wenn konsequent gehandelt und Gelder smart eingesetzt werden. Investitionen in die Energiewende zahlen sich dann gleich mehrfach aus: Auf lange Sicht dürften umweltbedingte Krankheiten, wie zum Beispiel Herz- und Lungenerkrankungen durch Feinstaub, deutlich zurückgehen – ein Segen für die ohnehin dramatisch steigenden Kosten im Gesundheitswesen. Neue Industriezweige könnten entstehen bzw. weiter wachsen. Weltweit könnten so 19 Millionen neue Arbeitsplätze in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Netzausbau und Energieflexibilität entstehen. Diese Zahl übersteigt damit bei weitem den erwarteten Verlust von etwa sieben Millionen Arbeitsplätzen durch den Kohleausstieg.

Gestehungskosten machen Investitionen attraktiv

Hinzu kommt, dass Investitionen in Erneuerbare noch nie günstiger waren als heute. Das trifft auch auf die PV-Anlagen zu, die für Privatverbraucher interessanteste Form der Stromerzeugung. Einer aktuellen Veröffentlichung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE zufolge fielen hier die Investitionskosten – der dominierende Kostenanteil bei Solaranlagen – in Deutschland seit 2006 um 75 Prozent. Eva Belletti, Geschäftsführerin des Solarmodulherstellers Talesun Germany, bestätigt diesen Trend: „Die Modulpreise sind deutlich gefallen, und es lassen sich mit Photovoltaik ordentliche Renditen erzielen. Deshalb wurde zum Jahresende 2017 sowohl bei Freiland- als auch bei Aufdachanlagen wieder mehr gebaut. Der Trend setzt sich in diesem Jahr fort.“
Wer sich für die Installation einer Solaranlage interessiert, sollte die regelmäßige Instandhaltung und Reinigung bedenken. Leistung und Lebensdauer profitieren von sauberen Oberflächen: „Wer ab Inbetriebnahme durchgängig reinigt und pflegt, verlängert die Laufzeit nachweislich. So lassen sich nämlich Hotspots und ‚Schneckenspuren’ vermeiden“, erklärt Franz Ehleuter. Der Geschäftsführer des PV-Reinigungsspezialisten Sunbrush mobil GmbH hat sich auf die Reinigung großer PV-Anlagen spezialisiert, seine Tipps gelten jedoch auch für Privatverbraucher: „Ist die Anlage erst einmal durch die Einnahmen abbezahlt, steigen die Gesamterträge ja durch jedes zusätzliche Nutzungsjahr. Das summiert sich. Zudem sind Reinigungskosten steuerlich voll absetzbar.“

Fazit

Will Deutschland seine Klimaziele also noch erreichen, muss die neue Regierung die geplanten Änderungen konsequent durchführen – oder besser: müsste? Wenn Deutschland jetzt den Mut verliert, könnte das nicht nur dicke Luft bedeuten, sondern auch den Verlust des Anschlusses an die Spitzengruppe: Silicon-Valley-Unternehmer und Autor Tony Seba behauptet in seinem Buch: „Die Welt wird sich verändern. Radikal. Bis 2030“, die Energiewende könne innerhalb der nächsten zwölf Jahre gelingen. Verantwortlich für die beschleunigte Entwicklung sei die Kraft der Disruption. Diese nimmt übrigens keine Rücksicht auf Zauderer.

Stephan Wild