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Eier im Korb

Artenvielfalt in Flora und Fauna ist momentan in aller Munde. Im Nutztierbereich ist diese Vielfalt bereits still und leise verloren gegangen ist. Tierzüchtungen, die einen hohen wirtschaftlichen Wert garantieren, sorgen für kleine Preise im Handel und damit für einen Preis unter Wert.

Eier, früher ein wertgeschätztes Lebensmittel, wurden durch die Zucht fließbandmäßig legender Hybridhühner zur Massenware, die seit 70 Jahren kaum eine Preissteigerung erfahren hat. Damit steht nicht mehr die bäuerliche Haltung im Vordergrund, sondern die industrielle Erzeugung. Erst im Jahr 2010 gelang es, die tierquälerische Käfighaltung in Deutschland abzuschaffen. Bis 2025 soll dieses Verbot dann EU-weit gelten. Ein jahrzehntelanger Kampf mit positivem Ergebnis für mehr Tierwohl?
Nein, leider nur ein kleiner Etappen-Sieg. Denn immer noch sterben im Jahr allein in Deutschland mehr als 40 Millionen Eintagsküken, weil sie das Pech hatten als Hahn auf die Welt zu kommen. Unbrauchbar, weil die Hennen dieser Hybridlinie zwar viele Eier legen, die Hähne aber kein Fleisch ansetzen. Weggeworfen, weil nicht zu vermarkten.
Auch wenn die Haltung im Biobereich sehr viel tierorientierter ist, für eine Bio-Legehennenherde überleben von 3000 weiblichen Küken auch nur rund 60 Hähne. Als Gesellschafter! Rein rechnerisch werden 2940 männliche Küken aussortiert, denn die Schlupfquote liegt bei 50% weiblichen und 50% männlichen Tieren. Selbst in der Wolle gefärbten Ökoleuten reichte das lange Zeit. Bis immer mehr Licht in die industrielle Erzeugung von Legehennen fiel und Promis wie Jamie Oliver medienwirksam zeigten, wie Küken getötet werden. Das Umdenken begann wie schon oft in der Bio-Nische.
Karl Ludwig Schweißfurth setzte auf das Zweinutzungshuhn, wie es früher in der Landwirtschaft üblich war. 2010 stallte er die ersten kleinen Herden aus den alten Zweinutzungsrassen Sulmtaler und Les Bleues in Glonn auf und vermarktete Eier und Brathähnchen unter der Marke „Hermannsdorfer Landhuhn“. Ein Projekt, das bis heute im Rahmen der Hermannsdorfer Werkstätten und in Zusammenarbeit mit den Kunden hervorragend funktioniert. 2012 wurde dann die Initiative Bruderhahn e.V. von Biopionieren wie Carsten Bauck gegründet. Die Brüder der handelsüblichen Hybridhühner werden aufwändig aufgezogen und nach rund 150 Tagen geschlachtet und in die Verarbeitung gegeben. Dieses teure Verfahren muss über den Eierpreis subventioniert werden. Dennoch: „Wenn eine vierköpfige Familie etwa zehn Eier in der Woche verbraucht, kann sie mit dem Genuss von zwei Festtags-Bruderhähnen im Jahr eine ausgeglichene Hahn-Henne-Ei-Bilanz ermöglichen“, rechnet die Bruderhahn-Initiative Deutschland (BID) vor. Gleichzeit arbeitet die Bio-Branche jedoch an einer anderen Lösung, die Kükentötung zu vermeiden. Und so gründeten Bioland und Demeter 2015 die Ökologische Tierzucht gGmbH (ÖTZ). Ziel: Zweinutzungshühner. Hennen mit einer wirtschaftlichen Legeleistung und Hähne mit gutem Fleischansatz. Alle Bemühungen werden jedoch nur dann Erfolg haben, wenn der Verbraucher bereit ist, das hochwertige Produkt wertig zu bezahlen. „Die Verbraucher entscheiden mit darüber, wie wir mit Hennen und Hähnen umgehen“, unterstreicht auch Inga Günther, Demeter-Geflügelzüchterin und Geschäftsführerin der ÖTZ.
Große Brütereien konnten sich dem Trend nicht verschließen und haben mit dem Zweinutzungshuhn „Sandy“ eine Alternative geschaffen: Gute Legeleistung bei den Hennen und passabler Fleischansatz bei den Hähnen. Für Legehennenhalter bedeutet dieses Angebot die Möglichkeit einer schnellen Umstellung auf eine Eierproduktion ohne Kükentötung. Die männlichen Küken werden in Mastbetriebe gebracht, um dann als Bio-Brathähnchen in den Fleischtheken zu landen. Einige Bauern der Biohennen AG, einer bäuerlichen Legegemeinschaft, setzen seit 2017 auf die Sandys. Unter der Marke „Hahn-Henne-Ei“ findet man die Eier im Bioladen. Die Biohennen AG-Bauern Hans Limmer (siehe youtube-Film) und Thomas Übelacker sehen in der Haltung von Zweinutzungshühnern einen wertvollen, stimmigen Beitrag zur ökologischen Legehennenhaltung.
Doch was wäre, wenn die männlichen Küken gar nicht erst schlüpfen würden? Eine Frage, die im Labor bereits beantwortet werden kann. Mit zwei unterschiedlichen Methoden gelingt es Wissenschaftlern, das Geschlecht im Ei zu bestimmen. Damit kann das Aussortieren bereits vor dem Schlupf beginnen. Ethisch fragwürdig, aber für die Wirtschaftlichkeit der einfachste Weg.
Und damit sind wir wieder bei der Artenvielfalt. Kaum eine Verbraucherin, ein Verbraucher, weiß heute noch darum. Eier sind entweder braun oder weiß. Hühner ebenso. Hätten wir nicht die vielen Hobbyzüchter, dann wäre die Genetik alter Rassen bereits verloren. Und dass alte Rassen durchaus eine respektable Legeleistung bei gleichzeitig gutem Fleischansatz haben, zeigen die Züchtungen der ÖTZ. Allerdings, wenn dieser Weg weiter beschritten werden soll, dann muss der Endkunde den Wert von Ei und Huhn wieder erkennen. Auch ideell. Gerade Ostern ist für solche Gedanken gut geeignet. Die Auferstehung, das neue Leben, versinnbildlicht in Bräuchen rund um die Ostereier. Das kostbare Leben, das nicht einfach aussortiert und weggeworfen werden soll.

Lebensmittel Ei

Ein Ei besitzt eine hohe biologische Wertigkeit. Vitamine A, D, E und K sowie B-Vitamine, wertvolles Eiweiß und Mineralstoffe. Fett ist im Dotter zwar gut vorhanden, aber das enthaltene Cholesterin beeinflusst entgegen früherer Meinungen den Cholesterinspiegel nicht. Ein Ei, das auch noch seine Verpackung selbst mitbringt, ist also ein kleines Kraftpaket, das dem Körper gut tut und dabei auch noch schmeckt. Wobei der Geschmack und auch die Inhaltsstoffe von der Haltung und vom Futter abhängig sind. Bioeier sollten hier selbstverständlich die erste Wahl sein, denn die biologische Haltung kommt dem natürlichen Lebensrhythmus der Legehennen am nächsten. Wer dann auch noch ein paar Cent für die Hähne bzw. für die ökologische Tierzucht drauflegt, hat nicht nur ein hochwertiges, leckeres Ei, sondern auch noch ein gutes Gefühl.

Eier-Vielfalt

Die bunte Rassen- und Eier-Vielfalt kann man heute auch noch auf manchen Bauernhöfen und bei Hobby-Hühnerhaltern entdecken. Nicht nur, dass sich Lakenfelder, Sussex oder Marans in solchen Hühnerhöfen tummeln und hübsch anzusehen sind, die Eier zeigen hier außerdem eine bemerkenswerte Farbpalette. Vom zarten Blau bis zu einem kräftigen Grün, verschiedenen Brauntönen und Creme bis Weiß reicht die bunte Vielfalt, die das Färben zu Ostern überflüssig macht. Wer viel Zeit und Liebe zum Federvieh hat, kann sich diese Buntheit mit verschiedenen Hühnerrassen auch im eigenen Garten verwirklichen. Oder man wird zum Tierretter: Legehennen von Biobetrieben werden meist nach 12 bis 15 Monaten ersetzt. Einige Biobauern verkaufen die Hennen dann an private Halter. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, man hat noch lange Freude an den „ausgedienten“ Biohühnern.

Elisabeth Schütze