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Klimawandel

Wenn vom 30. November bis zum 11. Dezember 2015 die UN-Klimaschutzkonferenz im terrorgeschüttelten Paris stattfindet, dann wird das politische Ereignis nicht nur von Umweltschützern mit größtem Interesse verfolgt werden. Spätestens seit dem G7-Gipel in Elmau ist klar, dass die Regierungschefs der größten Wirtschaftsnationen den weltweiten Ausstoß von Treibhausabgasen in diesem Jahrhundert auf Null senken wollen. Daraufhin reagieren unterschiedlichste Investorengruppen mit dem Abzug ihrer Gelder aus Geschäftsmodellen mit fossilen und atomaren Trägern – denn der (politische) Klimawandel schafft neue Chancen bei ökologischen Geldanlagen.

Zu den Bildern des vergangenen Sommers gehören die größtenteils friedlichen Proteste rund um die G7-Veranstaltung auf Schloss Elmau. Dabei kam eine bunte Truppe an Demonstranten zusammen, um für die Verbesserung des weltweiten Umweltschutzes einzutreten. Und fast schien es so, als ob deren Anliegen von den führenden Industriestaaten erhört wurden: Bis Ende des Jahrhunderts soll die Energieversorgung ohne Öl, Erdgas und Kohle bewerkstelligt werden. Ziel der G7 ist es, ihre Exporte und Versicherungen auf die Bedürfnisse des Klimaschutzes auszurichten. Ab 2050 wollen die Gipfelteilnehmer ihre Energieversorgung weitestgehend auf erneuerbare Energien umgestellt und die globalen CO-Emissionen auf ein Drittel der Menge des Jahres 2010 gedrückt haben.
Aber ob der als bereits historisch gefeierte Beschluss tatsächlich die gewünschten Ergebnisse zeitigt bleibt abzuwarten: Schon vor der Weltklimakonferenz in Kopenhagen vor sechs Jahren hatten die G7 ähnlich ehrgeizige Ambitionen; damals sollten die CO2-Emissionen auf ein Drittel des Niveaus seit 2010 gedrückt haben. Darauf konnte sich die Weltgemeinschaft in der dänischen Hauptstadt bekanntermaßen nicht einigen – ob die Wende heuer in Paris gelingt bleibt abzuwarten.


Kapitalmarkt stärkt Klimaschutz


Doch das Signal, das von Elmau ausging, ist klar: Ein „Weiter-so“ darf und kann es nicht mehr geben. Schon länger gewinnt vor diesem Hintergrund eine Bewegung an Zulauf, die den Klimawandel mit den Mitteln des Kapitalmarktes abschwächen und ihre Rendite ökologisch erwirtschaften möchte. Die Idee ist es, Konzernen und Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf fossilen Brennstoffen basiert, Geld zu entziehen.
Sogenannte „Divestments“ geschehen allerdings nicht nur aus purem Gutmenschentum: Investoren (z.B. Fondsgesellschaften der Versicherungswirtschaft) wissen spätestens seit der Ausrufung der Energiewende, dass die Zukunftsfähigkeit der Atom-, Öl-, Gas- und Kohlenindustrie nicht mehr länger gegeben ist. Zudem ist es absehbar, dass der globale Raubbau an der Natur mittel- und langfristig sehr hohe Kosten und nicht versicherbare Risiken nach sich ziehen wird. Das Kalkül: Ohne weitere politische und wirtschaftliche Förderungen kommt die Nutzung von fossilen und atomaren Energieträgern zum Erliegen, weil Geschäfte mit der Erderwärmung nicht mehr profitabel sind – die Geldströme fließen stattdessen unter anderem in nachhaltige und CO2-arme Umwelttechnologien.
Die Divestment-Bewegung setzt sich aus zahlreichen unabhängig auftretenden Netzwerken zusammen und ist keine in sich geschlossene Organisation. Gleichwohl wenden sich zum Beispiel Bürgerinitiativen durch Petitionen und Aktionen an unterschiedlichste Gruppen von Geldgebern. Dazu gehören gleichermaßen Privatanleger, Fondsgesellschaften, Vermögensverwalter, (kirchliche) Stiftungen, städtische Verwaltungen oder Universitäten.


Investoren setzen ermutigende Zeichen


Neben professionellen und milliardenschweren Kapitalanlegern entscheiden sich auch immer mehr Städte zum Divestment. Prominente Beispiele sind Seattle und San Francisco in den USA. Als erste deutsche Kommune entschloss sich Münster diesen November öffentliches Kapital aus klimaschädlichen Industrien abzuziehen. Der entsprechende Antrag besagt, dass die Stadt kein Geld mehr in Unternehmen gibt „die Atomenergie erzeugen oder auf nicht nachhaltige und klimaschädliche Energien setzen.“ Das schließt auch Investitionen aus die Fracking fördern, Kinderarbeit zulassen, Kriegswaffen produzieren oder Pflanzen gentechnisch verändern. Dabei handelt es sich um zwei Fonds, die rund 30 Millionen Euro städtisches Kapital verwalten. Die stadteigenen Gesellschaften müssen nun Firmenanteile des Energiekonzerns RWE, sowie der italienischen und österreichischen Firmen Enel und OMV verkaufen.
Das Beispiel macht Schule: Mittlerweile laufen in rund 23 deutschen Städten, wie Aachen, Bochum, Köln und Berlin, Divestment-Initiativen. Laut der Kampagnen-Organisation 350.org wollen Investoren weltweit rund 260 Milliarden US-Dollar aus klimaschädlichen Geschäften abziehen. Trotz dieser ermutigenden Schritte bleibt viel Luft nach oben, denn laut Financial Times lag der addierte Marktwert der 500 größten globalen Konzerne aus den Branchen der Elektrizität, Bergbau, Öl und Versorgung im März 2015 bei etwa vier Billionen US-Dollar.


Der Weg zum Klimaschutz bleibt hart und steinig


Der Weltgemeinschaft bleibt beim Klimagipfel in Paris folglich noch viel Arbeit. Anders als in Elmau werden auf Grund der anhaltenden Terrorgefahr die Verhandlungen leider ohne demokratische Öffentlichkeit stattfinden, weil Frankreichs Regierung aus Sicherheitsgründen Demonstrationen der Klimabewegung verboten hat. Dabei rechneten die Umweltorganisationen mit einer Demonstration von bis zu 300.000 Teilnehmern, die den Auftakt für eine neue weltweite Protestwelle bilden sollten.
Der BUND ruft stattdessen für den 12. Dezember zu Aktionen in Deutschland auf. Mehr Infos unter www.bund.net

Stephan Wild