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Die UNO hat 2015 zum Jahr der Böden erklärt. Aus gutem Grund, gehen doch jährlich rund 6 Mio. Hektar fruchtbares Ackerland durch Erosion und Raubbau verloren. Die lebenswichtige Ressource braucht dringend Schutz – auch im eigenen Garten. Wer jedem Löwenzahn, jeder Blattlaus und jeder Schnecke mit Herbizid und Fungizid den Kampf ansagt, tut genau das Gegenteil.

Insofern beginnt der eigene Bio-Anbau mit einem Perspektivenwechsel, bei dem die Worte „Unkraut“ und „Schädling“ gleich mal aus dem Vokabular gestrichen werden.

Ein echter Bio-Gärtner freut sich über Kleinigkeiten, über die manch anderer die Nase rümpft: Regenwürmer, Schnecken und Tausendfüßler verwandeln seinen Kompost in fruchtbaren Humus. Hirtentäschel und Vogelmiere lassen auf nährstoffreichen Boden schließen. Und Grasschnitt ist nicht länger lästiger Abfall, sondern sorgt als Mulch für gleichbleibende Feuchtigkeit und optimale Wachstumsbedingungen. In vielerlei Hinsicht ist das ökologische Gärtnern also ein Umdenkprozess, der so manches im Gartenleben leichter macht. Dazu gehört auch, im Herbst den Spaten im Schuppen stehen zu lassen. Denn die alte Sitte, den Boden grobschollig umzugraben, raubt nicht nur Muskelkräfte, sondern stellt das von der Natur so sinnvoll ausklügelte System im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf: Die luftbedürftige oberste Erdschicht wird mitsamt ihrer fleißigen Humusproduzenten in den Tiefen begraben, während die Nährstoffe, die an den Pflanzenwurzeln benötigt werden, Wind, Sonne und Regen schutzlos ausgeliefert sind. Besser ist es daher, den Boden im Herbst mit Grabgabel, Sauzahn oder Grubber zu lockern und noch einmal mit halbreifem Kompost zu mulchen oder bei Bedarf organisch zu düngen, um für die nächste Anbausaison bereit zu sein.

Auf die Natur vertrauen

Wer bei der Bodenpflege nicht gegen, sondern mit der Natur arbeitet, wird über kurz oder lang mit fruchtbarem Humus belohnt. Er ist die Basis, auf der im Frühling die Saat für eine reiche Ernte ausgebracht wird. Die Auswahl an Blumen, Kräutern und Gemüse ist groß, und die Bilder auf den Packungen sind verlockend. Tatsache ist aber: Die bunte Vielfalt ist in Händen weniger Konzerne, die Pflanzenzüchtung ins Labor verlegt haben, um der Natur dort mit Gentechnik und Chemie „auf die Sprünge zu helfen“. Ökologisch orientierte Partner wie Bingenheimer Saatgut, Bioland, Greenpeace oder Zukunftsstiftung Landwirtschaft haben sich daher im Saat:gut e.V. zusammengeschlossen, um miteinander auf nachhaltige Weise standortgerechte Sorten für den Ertrags- und Gartenanbau zu züchten. Mit dem Ziel, Saatgut als Kulturgut zu bewahren, arbeitet auch der Kultursaat e.V. Seit 2004 betreibt der Verein eine Erhaltungszuchtbank, in der Muster von fast 800 samenfesten Sorten lagern, die am mitteleuropäischen Markt noch verfügbar sind. Samenfest heißt dabei, dass die Kulturen, die aus der Saat hervorgehen, weiter vermehrt werden können. Im Prinzip hat der Öko-Gärtner, der ein Päckchen Samen von De Bolster oder Bingenheimer erwirbt, also gleich den Grundstock für alle kommenden Ernten gelegt. Das gilt für Blatt-, Kohl-, Frucht-, Wurzel- und Knollengemüse ebenso wie für Hülsenfrüchte, Kräuter und Blumen.

Vielfalt für den Bio-Gärtner

Im Naturkostfachhandel gehört bio-zertifiziertes Saatgut heute oft zum Standardsortiment. Mit torffreier Anzuchterde und dem richtigen Maß an Licht, Wärme und Feuchtigkeit werden aus den Samen auf der Fensterbank schnell kleine Keimlinge. Sind dann die ersten Blättchen sichtbar, müssen sie vorsichtig pikiert, also vereinzelt werden, damit sie sich bis zum Ende der Eisheiligen mit genügend Freiraum zu robusten Jungpflanzen entwickeln können. Ein halbwegs grüner Daumen ist dabei schon gefragt, doch lässt sich dieser arbeitsreiche erste Schritt auch bequem umgehen, indem man gleich auf fertige Jungpflanzen zurückgreift. Manche Gartencenter wie Kölle oder Dehner führen inzwischen eine eigene Bio-Linie. Auch auf Wochenmärkten, in Hofläden oder bei Anbietern von Öko-Kisten wird man oft fündig. Mehr Auswahl – gerade im Hinblick auf alte Sorten und Gemüseraritäten – hat man jedoch in spezialisierten Bio-Gärtnereien und Online-Shops. Über die verschiedenen Bezugsquellen informieren Internetportale wie www.gartenrundbrief.de oder www.bio-gaertner.de. Beide dienen außerdem als praktisches Kompendium, wenn es um allgemeine Fragen und Tipps rund ums ökologische Gärtnern, Pflanzen und Pflegen geht.

Vom Anbau zur Ernte

Was haben Kohl und Zucchini gemeinsam? Beide sind sogenannte Starkzehrer, die einen besonders hohen Nährstoffbedarf haben. Wer das weiß, ist schon auf bestem Weg zur guten Ernte, denn er kann gezielt auf die Bedürfnisse seiner Pflanzen eingehen. Im klassischen Bauerngarten teilt man das Gemüsebeet in vier Felder auf: hier die gerade vorgestellten Starkzehrer, da Mittelzehrer wie Radieschen oder Paprika, dort Schwachzehrer wie Bohnen, Erbsen und Kräuter, und schließlich einen Bereich für die Gründüngung mit Senfsaat oder Leguminosen, die den Boden wieder regeneriert. Um dieses Konzept umzusetzen, braucht man eine große Fläche – oder eine Kompromisslösung in Form einer gut durchdachten Mischkultur. Dabei verteilt man die verschiedenen Nutzpflanzen so im Beet, dass sie das Platzangebot optimal ausnutzen wie Radieschen, Salat und Kohlrabi oder sich gegenseitig schützen wie Zwiebeln und Gelbe Rüben. Bis die Reihen geschlossen sind, wird rund um die Kulturen mit halbreifem Kompost, Rasenschnitt oder anderem organischen Material gemulcht. So bleibt der Boden unkrautfrei und man muss zugleich weniger düngen. Da wiederum gilt eine wichtige Regel: Chemisch-synthetische Düngemittel haben im Bio-Garten nichts verloren. Ökologische Alternativen bietet zum Beispiel das Aries Sortiment im Naturkostladen, die Online-Shops www.ludwig-engelhart.de und www.gaertnermeister-mayr.de, oder eine neue Geschäftsidee: GreenLab Berlin (www.greenlabberlin.de) entwickelt und produziert Biodünger, der durch Upcycling aus pflanzlichen Abfällen der Lebensmittelindustrie gewonnen wird.

Gärtnern ohne Garten

Nicht jeder hat das Glück, einen Garten zu besitzen. Auf eigenes Obst und Gemüse muss man dank zahlreicher Urban Gardening Initiativen dennoch nicht verzichten. Mit den Tiny Gardens (www.tinygardens.de) zaubern zwei Münchner Landschaftsarchitektinnen reiche Ernte nach „Balkonien“. Ausrangierte Obstkisten lassen sie dazu in einer Behindertenwerkstatt mit Farbe und Schrift verschönern und als Bio-Kräuter-, Beeren- oder Salatgärtchen fertig bepflanzen. Wem das nicht genug ist, der kann sich in einem der vielen Kraut- und Gemeinschaftsgärten engagieren, die sich in der Regel alle den Grundsätzen des ökologischen Anbaus verschrieben haben. Die Website www.urbane-gaerten-muenchen.de gibt einen umfassenden Einblick in die breite Angebotspalette der Landeshauptstadt. Auf www.stadtacker.net kann man seine Parzelle gezielt nach Bundesland und Region suchen und findet gleichzeitig Veranstaltungstermine für Hobbygärtner in der Nähe.

Claudia Mattuschat