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Alles Plastik, oder was?

Die großen Katastrophen der Menschheit zeichnen sich über Jahre ab, bevor sie für kurze Zeit in den Fokus der Massenmedien rücken. Schon lange warnen Experten vor der Gefahr des Plastikmülls in unseren Weltmeeren. Zunehmend häufen sich nun auch die Stimmen der Wissenschaftler, die auf die Wasser- und Luftverschmutzung durch Mikroplastik und ihre gesundheitsgefährdenden Auswirkungen aufmerksam machen – bisher mit wenig Erfolg.

Griechenlandkrise, Flüchtlingskrise, Volkswagenkrise: Das aktuelle Nachrichtengeschehen überlagerte diesen Sommer und Herbst vor lauter Brennpunkten und Sondersendungen die etwas leiseren Meldungen, trotz deren nicht minder drastischen Brisanz. So gaben Anfang September Forscher in der US-Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ bekannt, dass im Jahr 2050 circa 99 Prozent aller Vögel Kunststoffreste im Magen haben werden. Die Angaben geben Aufschluss über den hohen Verschmutzungsgrad der Ozeane. Aktuell wird von australischen Meeresbiologen angenommen, dass dort 580.000 Plastikteile pro Quadratkilometer schwimmen. Das entspricht rund 150 Millionen Tonnen – und jedes Jahr kommen weitere geschätzte 6,4 Millionen Tonnen dazu. In Folge verhungern beispielsweise Wale sowie tausende Fische und Vögel, weil unverdauliche Plastikteile und -planen ihren Magen füllen, ohne dem Körper Nährstoffe zuzuführen. Gleichzeitig ziehen sich insbesondere Robben häufig tiefe Schnittwunden durch Plastikabfälle zu und sterben qualvoll.

Mikroplastik weitet sich flächendeckend aus

Die Meeresverschmutzung geht uns längst alle an, weil Mikroplastikpartikel auch unsere Binnengewässer in Mitleidenschaft ziehen. Diese für das Auge nicht sichtbaren Nanoteilchen entstehen durch die Zersetzung sowie mechanische Einflüsse auf die Kunststoffe im Wasser. Anders als der sichtbare Müll an der Oberfläche und an den Ufern verteilt sich Mikroplastik überall, sinkt auf den Grund und lässt sich kaum mehr maschinell entfernen. Am Boden lebende Tiere nehmen diese Partikel jedoch sehr wohl auf. Schon jetzt weisen beispielsweise Untersuchungen im Sediment des Gardasees oder entlang der Donau hohe Partikelkonzentrationen auf. Dabei wird die Halbwertszeit von Plastik von der Wissenschaft auf rund 450 Jahre geschätzt.
Die Verbreitung der Partikel lässt sich kaum aufhalten. Sie nimmt direkte Auswirkungen auf unsere Nahrungskette, unser Trinkwasser und die Luft, die wir atmen. Der Trend wird zusätzlich durch Weichmacher und Plastikfasern verstärkt; sie gelangen durch das Waschen von Textilien, wie zum Beispiel Fleece-Materialien, in unsere Abwässer. Auch Mikrogranulate wie sie in Kosmetika, Zahnpasten, Waschgels oder Kaugummis enthalten sind, nehmen einen erheblichen Anteil daran. Dennoch spülen sie Verbrauchern ahnungslos in die Kanalisation.
Problematisch ist, dass Kläranlagen die Mikropartikel wegen ihrer geringen Größe nicht vollständig filtern können. Daher tritt ein Teil in die natürlichen Gewässer über. Daneben enthält der für die Düngung von Feldern genutzte Klärschlamm ebenfalls Mikroplastik. Durch den Wind gelangt es in die Luft und wird auf Wiesen und Blumen getragen. Bienen nehmen das Plastik beim Bestäuben der Pollen auf und transportieren diese in ihren Bienenstock und damit in den Honig. Auf der Weide grasende Kühe bringen das Mikroplastik in die Milch und in ihr Fleisch. Am Ende landet alles auf dem Tisch der Verbraucher.

Mikroplastik stellt reale Gefahr dar

Recherchen des NDR Wirtschafts- und Verbrauchermagazins „Markt“ ergaben vergangenes Jahr, dass zahlreiche Mineralwässer und (Weiß-)Biere durch Mikroplastik verunreinigt sind. Bei den analysierten Produkten handelt es sich um die in Deutschland meist verkauften Marken – sie alle enthalten Mikroplastik. Umgerechnet auf einen Liter betrugen die in der Untersuchung festgestellten Spitzenwerte bei einem Mineralwasser 7,3 Plastikfasern, bei einem Bier 7,8 Plastikfasern. Das Verbrauchermagazin „Plusminus“ hat Plastikteilchen in 19 Honigsorten aus Supermärkten nachgewiesen.
Noch ist unklar, welche Einflüsse und Auswirkungen das Mikroplastik mittel- und langfristig auf Mensch und Tier nehmen. Für die Forschung ist aber jetzt schon gewiss, dass die Kleinstreste des Erdölprodukts früher oder später eine Gefahr für den menschlichen Organismus darstellen. Experimente an der Technischen Universität in Berlin haben etwa gezeigt, dass sich Nanofasern im Gewebe von Muscheln anreichern. Bei hohen Konzentrationen können diese zum Tod der Tiere führen.

Weniger Plastik ist mehr Lebensqualität

Trotz vielfältiger Warnungen durch die Forschung hat der Gesetzgeber bisher keine Grenzwerte für Lebensmittel festgelegt. Tragfähige Lösungen stehen nach wie vor aus. Immerhin hat die Industrie erste Reaktionen gezeigt. So begannen etliche internationale Hersteller von Kosmetika, im Rahmen von Selbstverpflichtungen ihre Produktion entsprechend umzustellen. Eine entscheidende Rolle kommt jedoch den Konsumenten zu. Sie können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie belastete Produkte in den Regalen stehen lassen, speziell wenn sie unverpackte Waren einkaufen, wo immer möglich. Auch die Macht der sozialen Netzwerke und Medien darf nicht unterschätzt werden – Transparenz und Aufklärung können zu einem Umdenken führen. Denn fest steht: Wenn die Verbraucher nicht aktiv nach weniger Plastik verlangen, wird die Industrie mangels Anreizen kaum tiefgreifende Änderungen herbeiführen. Dabei dankt uns nicht nur die Pflanzen- und Tierwelt, wenn dem Plastik- und Verpackungswahn Einhalt geboten wird – am Ende danken wir es uns auch selbst.

Stephan Wild