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Berge mit Steg und See

Nachhaltig Urlaub machen

17 Nachhaltigkeitsziele haben sich die Vereinten Nationen in ihrer Agenda 2030 gesteckt. Neben Klima- und Umweltschutz geht es dabei auch um nachhaltigen Konsum und das Wohlergehen aller Menschen. Immer mehr Reiseveranstalter setzen sich mit diesen „Sustainable Development Goals“ auseinander und stimmen ihre Angebote darauf ab. Denn die Zukunft des Tourismus hängt nicht zuletzt davon ab, dass die Erde ein lebens- und entdeckenswerter Planet bleibt.

Tourismus ist einer der wachstumsstärksten Wirtschaftszweige und beschäftigt im direkten oder indirekten Sinne rund 280 Millionen Menschen weltweit. Deshalb muss die Branche besondere Verantwortung beweisen, wenn es um die in der UN-Agenda 2030 definierten ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitsziele geht. Das fordern Tourism Watch, Brot für die Welt, das Innovations- und Zertifizierungsunternehmen TourCert und der akte Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung in einem gemeinsamen Positionspapier und ermahnen dabei zu einer Tourismuswende. Zwar werden Flugreisen aufgrund der hohen Emissionen immer ein Klimaproblem bleiben: Schon jetzt verursachen sie etwa fünf Prozent des weltweiten CO2 Ausstoßes, und die Zahl der Flugreisen wird eher noch weiter steigen. Dennoch können Reiseveranstalter den ökologischen Fußabdruck ihrer Angebote deutlich verbessern, indem sie zum Beispiel vor Ort sparsam mit den Ressourcen umgehen, regionale Lebensmittel aus ökologischem Anbau bevorzugen und auf umweltfreundliche Mobilität setzen. Besonders wichtig ist ihr Beitrag beim Schutz empfindlicher Öko-Systeme, allen voran Meeresgebieten, und bei der entsprechenden Sensibilisierung der Reisenden. Werden lokale Arbeitskräfte, Produkte und Kultur eingebunden, ist Tourismus zum einen in der Lage, für nachhaltige Produktions- und Konsummuster im Sinne von Ziel Nr. 12 der UN-Agenda zu sorgen. Zum anderen folgt er Ziel Nr. 8 und trägt zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum bei, das den Destinationen und den dort lebenden Menschen im direkten Maße zugutekommt.

Es geht Fairwärts

„Das Ziel (…) muss ein fairer, zukunftsorientierter und verantwortlicher Tourismus sein, der die Einnahmen gerecht verteilt, die natürlichen Ressourcen schont, Reisende und Mitarbeitende für nachhaltiges Handeln begeistert und ihnen Freude, Naturerlebnisse, ein Gemeinschaftsgefühl sowie die Lust auf einen nachhaltigen Lebensstil vermittelt.“ So fassen Tourism Watch, Brot für die Welt, TourCert und akte ihr Anforderungsprofil zusammen. Einige Anbieter erfüllen diese Kriterien bereits, das hat der 2. Fairwärts-Wettbewerb kürzlich bewiesen: Auf der „Fair Handeln“ konnten TourCert und die gemeinnützige Organisation Umwelt & Entwicklung vier Gewinner küren, deren Angebote auf besondere Weise im Einklang mit den UN-Nachhaltigkeitszielen stehen.
Platz 1 unter den Destinationen eroberte Janbeck*s FAIRhaus. Das erste klimaneutrale Hotel Schleswig-Holsteins lädt zu überzeugend authentischem Ostsee-Urlaub ein und bindet dabei lokale Lebensmittel und Lebensart ebenso ein wie umweltfreundliche Mobilität per Fahrrad und Elektroauto. „ReNatour“ kam mit „Villa Kalimeera – Familienurlaub auf Korfu“ auf Platz 2 des Wettbewerbs und zeigt, wie man die lokale Wirtschaft nachhaltig stärkt: Eine alte Villa wurde auf der beliebten griechischen Insel mit Einheimischen in ein öko-bewusstes Urlaubsparadies verwandelt, das in Management, Gästebetreuung und Gastronomie zahlreiche neue Arbeitsplätze bietet. Erster unter den Reiseveranstaltern wurde „viventura“ mit „viActive Ecuador Galapagos – Aktiv unterwegs“. Die Aktivreise sensibilisiert die Teilnehmer für die ökologische und kulturelle Vielfalt des Landes und schafft es, dabei fast 60 Prozent der Einnahmen im Land zu lassen. Timbercoast schließlich ist die Nummer 2 unter den Reiseveranstaltern und überzeugte die Jury mit seinem außergewöhnlichen Konzept: Auf seiner „Sailing Cargo Voyage“ bringt der Veranstalter Reisende an Bord des deutschlandweit einzigen klimafreundlichen Frachtsegelschiffs und macht sie zu Aktivisten im Kampf gegen Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung.

Zurück zu den Wurzeln

Wenn es darum geht, Nachhaltigkeit, Naturnähe, Regionalität und sanften Tourismus zu vereinen, hat eine Urlaubsform allerdings traditionell die Nase vorn: Ferien auf dem Bauernhof. Rund 5.000 Betriebe sind es allein in Bayern, die ihre Türen für Gäste geöffnet haben. Im letzten Jahr konnten sie rund elf Millionen Menschen bei sich begrüßen. Und dabei handelt es sich keineswegs nur um Familien mit Kindern. 22 Prozent der Anbieter setzen nach Angaben des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten inzwischen ihren Schwerpunkt auf Aktivurlauber, die zum Wandern, Klettern oder Mountainbiken nach Bayern kommen. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Spezialangebote verdoppelt, die sich zum Beispiel an Reiter oder Wellness-Suchende richten. Auch um den Ursprung der Lebensmittel zu entdecken, Einblick in ihre Entstehung zu gewinnen oder selbst aktiv zu werden, wird der Bauernhof immer beliebter. Um gezielt auf all diese Wünsche eingehen zu können, haben sich bislang 370 Erlebnisbäuerinnen und -bauern ausbilden lassen. Mit kreativen Ideen machen sie ihre Betriebe zu Orten des Erlebens, Genießens, Lernens und Entdeckens. Einen guten Überblick über diese Bandbreite bietet das Portal landerlebnisreisen-bayern.de und zeigt: Selbst um Strauße zu sehen, muss man heute nicht unbedingt nach Südafrika reisen – man kann sie aus nächster Nähe im Chiemgau kennen lernen.

Einkehr nach innen

Was dem einen die Begegnung mit Tieren, ist dem anderen die Begegnung mit sich selbst: Auch spirituelle Auszeiten liegen im Trend, bei denen Alltagshektik und Mobiltelefon mal Pause haben. Der Kölner Veranstalter SKR Reisen bedient auf www.skr.de/kloster-ferien/ eine Zielgruppe, die sich ganz bewusst für ein paar Urlaubstage aus der Welt zurückziehen möchte. Wem das für einen Tag genügt, kann im Westallgäu malerische Wallfahrts- und Pilgerziele zu Fuß erkunden: Von Mai bis September ziehen dort beim „Samstagspilgern“ Einheimische, Urlauber und Seelsorger gemeinsam los, um beispielsweise auf dem Jakobus-, dem Martinus- oder dem Oberschwäbischen Pilgerweg in sich zu gehen und neue Kraft zu tanken. Das aktuelle Programm steht auf www.westallgaeu.de/samstagspilgern. Ob man sich nun geführt oder auf eigene Faust auf Wanderschaft begeben möchte und ob man dabei spirituelle Erleuchtung oder einfach nur Ruhe sucht, ist natürlich Geschmackssache. Tatsache aber ist: Keine Art des Reisens entschleunigt und erdet so sehr wie diese. Bergbegeisterte, die dabei ganz buddhistisch den Weg als Ziel sehen, werden auf www.weitwanderwege.com eine Fülle von Anregungen finden – vom verlängerten Wochenende am Wilden Kaiser bis zum einwöchigen Urlaub, der vom österreichischen UNESCO Weltkulturerbeort Semmering bis an den Rand der ungarischen Ebene bei Köszeg führt.

Beim Gehen gewinnen

Drei Viertel der Gäste, die ihren Urlaub im Chiemgau verbringen, tun es des Bergsports wegen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Gästebefragung. Weil Wandern Diabetes und anderen Erkrankungen vorbeugen kann, nutzen Universität Dresden und Chiemgau Tourismus e.V. diese Begeisterung nun für ein gemeinsames Pilotprojekt unter dem Motto „10.000 Schritte im Chiemgau“. Wer die kostenlose App „AnkerSteps“ auf sein Smartphone lädt, bekommt bei der Ankunft einen Code, mit dem die tägliche Anzahl der Schritte in der Urlaubsregion gemessen und mit etwas Glück belohnt wird – vom Wanderbuch bis hin zum nächsten Urlaub. Mit 21 ausgewiesenen Themenwanderwegen, elf Premium-Wanderwegen sowie Hunderten von Pfaden und Routen durch Wälder, entlang von Fluss- und Seeufern und durch Moore macht der Chiemgau es leicht, dieses Ziel zu erreichen. Die Initiatoren versprechen sich allerdings davon, dass die neue Wanderfreude auch zu Hause nachwirkt und zur Prävention von Zivilisationskrankheiten beiträgt. Auch das ist eine Form von Nachhaltigkeit.

Claudia Mattuschat